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Keine Chance dem Rassismus
Von Cem Özdemir
photocase_allzweckjack_klein.jpg"Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft", so der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Er hätte noch hinzufügen können: Auch die Anwesenheit gegnerischer Fans kann die Sache mitunter verkomplizieren. Denn das Stadion ist nicht nur ein Platz, wo im besten Fall Fußball und Ästhetik zusammenkommen, sondern leider auch ein Ort offener rassistischer und antisemitischer Übergriffe.

So wurde etwa der dunkelhäutige Leipziger Spieler Adebowale Ogungbure am 25. März 2006 bei einem Oberligaspiel in Halle von den Fans fortwährend mit Affenlauten verhöhnt und als Drecksnigger beschimpft. Er wehrte sich seinerseits mit einer Provokation, als er zwei Finger auf die Oberlippe legte und der Tribüne den Hitler-Gruß bot. Im Nachhinein wurde aus dem Opfer gar ein Täter. Ogungbure erhielt eine Anzeige, da er ein verfassungsfeindliches Symbol in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Das Verfahren wurde zwar eingestellt - gegen die rassistischen Fans, die ihn auch körperlich attackiert hatten, wurde nie ein Verfahren eröffnet. Ebenso wenig wurde der gastgebende Verein belangt.

Solche rassistischen Übergriffe ereignen sich in deutschen und in europäischen Stadien leider immer wieder, sowohl in den Profi- als auch Amateurligen. Dazu gesellt sich übertriebener Nationalismus, wie etwa im November 2005 beim Länderspiel Türkei gegen Schweiz in Istanbul. Umso wichtiger war es, dass das Vorrundenspiel der beiden Mannschaften bei der aktuellen Europameisterschaft friedlich verlief und der Umgang miteinander respektvoll war.

Die Frage lautet: Wie können wir Rassismus im Fußball effektiv bekämpfen?

Gerade bei fußballbegeisterten Kindern und Jugendlichen können pädagogische und interkulturelle Arbeit rassistischen, antisemitischen und nationalistischen Denkweisen von vorneherein einen Riegel vorschieben. Dieses präventive Potenzial sollten Vereine und Fußballverbände nutzen - übrigens gerne mit Hilfe der Bundesregierung. Die will aber die Mittel zur Bekämpfung von Rechtsextremismus kürzen.

Rassismus bei Spielen der Profimannschaften können jedoch pädagogische Mittel allein nicht verhindern. Zwar gilt auch hier, dass Fanprojekte wertvolle Arbeit leisten. Hier können Fans direkt auf Fans einwirken. Vereine und Verbände sollten diese Projekte unbedingt unterstützen. Ab einem gewissen Punkt aber werden Sanktionen und gar Spielabbruch unvermeidbar. Letztlich können wir nur so Rassismus im Stadion und auf dem Platz effektiv bekämpfen und ein unverzichtbares öffentliches Bewusstsein schaffen.

Darauf hat das Europäische Parlament in seiner >> schriftlichen Erklärung zur Bekämpfung von Rassismus im Fußball reagiert, die das Parlament am 14. März 2006 auf Initiative einer fraktionsübergreifenden Gruppe verabschiedet hat. Das Parlament forderte die Fußballverbände auf, zu gewährleisten, dass Schiedsrichter auf der Grundlage klarer Vorgaben die Möglichkeit haben, Spiele im Falle schwerwiegender rassistischer Ausschreitungen zu unterbrechen oder gar abzubrechen.

Zudem solle erwogen werden, sportliche Sanktionen wie etwa Punktabzug oder Zwangsabstieg gegen Vereine und nationale Fußballverbände zu verhängen, deren Fans oder Spieler sich schwerwiegender rassistischer Vergehen schuldig machen. Der Weltfußballverband FIFA setzte mit seinem im Vorfeld der WM in Deutschland gefassten Beschluss ein richtiges Signal, in dem er diese sportlichen Sanktionen in seinen Strafenkatalog übernahm.

Doch auch symbolische Handlungen schaffen öffentliches Bewusstsein. Gerade die Popularität des Fußballs bietet eine große Chance. Die insgesamt 31 Spiele der Europameisterschaft erreichen kumuliert fast 8 Milliarden TV-Zuschauer. Es gibt wohl kaum eine bessere Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen - wie etwa die antirassistische Botschaft, die die Team-Kapitäne bei den Halbfinalen in Wien und Basel verlesen werden.


Weitere Informationen:

Besonders wertvolle Arbeit leistet das Netzwerk Football Against Racism in Europe (FARE), das sich seit 1999 engagiert gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie engagiert. So auch wieder bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, wo FARE mit der UEFA kooperiert und die Fans für Anti-Rassismus sensibilisiert.

>> www.FAREnet.org

 

 

 

 

(Foto: photocase.de/ AllzweckJack)