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06. 06. 08
 
EURO 08 in Österreich:
...denn sie irrten durchs Gelände und trugen seltsame Gewänder ...
flickr_em_oesterreich.jpgEva Lichtenberger, MdEP, Österreich.

Diesen Bibelspruch könnte wohl der Grazer Bischof Lackner gut zur Beschreibung der Verkehrssituation während der EM in Österreich öfters einsetzen. Der Bischof hat zugesagt, während der EM ab 7. 6. jeden Tag mit biblischen Parallelen das Geschehen zu kommentieren. Offensichtlich ohne relevante Hilfe „von oben" haben die österreichischen EM-Städte ihre Pläne für die Bewältigung des Verkehrs entwickelt.


Die Verkehrskonzepte der Städte

Klagenfurt hat die ganze Innenstadt gesperrt, auch für den öffentlichen Verkehr. „Fanzone überall" heißt es in der Kapitale von Jörg Haider, der aber aus Angst vor allzu enthusiastischen Fußballfans das Wahrzeichen der Stadt, den Lindwurm, in einem Glaskäfig schützt. Auf den Ansturm der Zuschauer per Auto hat man nur einige Wiesen zu Parkplätzen umgewidmet, mit insgesamt etwa 6000 Stellplätzen. Experten meinen, dass das wohl nicht reichen wird.

In Salzburg forcierte man anfangs die An- und Abreise der Fans per Flugzeug. Man hat halt Fußballfans mit Festspielgästen verwechselt. In Salzburg hat man ein wahrlich gespaltenes Verhältnis zu den Fans: Es gibt zwar eine Fanmeile in der Innenstadt, aber keine Nachtbusse, die dorthin fahren. Man geht davon aus, dass die Leute früh ins Bett gehen. Vielleicht will man die Leute doch nicht gerne länger in der Festspielstadt haben...
Im Vorfeld der - mangelhaften - Planungen war noch dazu vorgesehen, die Fans gleich in der Nacht wieder in die Flugzeuge zu verfrachten und schnell wegzubringen - unter Aufhebung des Nachtflugverbots.

In Innsbruck gibt es zwar einige lobenswerte Initiativen der städtischen Verkehrsbetriebe (Verdichtung, Service bis 6 Uhr früh, Sondertickets), aber sonst herrscht Grabesstille. Der Organisator der Fußball-WM in Dortmund hatte im Rahmen einer Einladung in Innsbruck trocken festgestellt: „Ich habe nur eine Empfehlung für Innsbruck: Sperren Sie die Straßen!" Trotzdem sollen die Durchzug-Straßen - auch rund um die Fanmeile - offen bleiben. „Wenn die ersten fünfzig Schweden ganz in blau und gelb auf der Straße tanzen, was übrigens schön anzuschauen ist - dann ist es vorbei. Die gehen da nicht mehr weg" meinte der deutsche Experte. Trotzdem hat die Innsbrucker Verkehrsplanung nach wie vor die Vorstellung, dass zehntausende feiernde Fans brav auf dem Gehsteig bleiben werden, ohne ihren Fuß auf die Straße zu setzen.

In Wien gab es bei der so genannten „Generalprobe", dem Spiel im Februar gegen Deutschland, einen 10 km langen Stau-Marathon auf einer Zubringerstraße, wegen eines Unfalls. Nach dem Spiel war es allerdings auch nicht viel besser: viele Fans schlugen sich aus Verzweiflung über die langen Wartezeiten bei den Öffis zu Fuß durchs Gebüsch des Praters (eines großen Parks), was vor allem für deutsche Fans ohne Ortskenntnis ziemlich riskant war. Es fehlte nämlich zudem jegliche Beschilderung.

Das Organisationskomitee in Wien glaubt aber nach wie vor fest an einen Erfolg, da inzwischen eine U-Bahn-Linie bis zum Stadion eröffnet wurde. Ob das aber langen wird, alle Fans aufzunehmen, ist sehr fraglich. Schließlich wird ja die Ringstraße gesperrt sein, die zur Fanmeile wird, und das bedeutet für Anfahrten im Auto lange Umleitungen durch schmale Straßen. Das wird wohl kaum ohne Megastau passieren.

 


Die Deutschen kommen mit dem Auto

Damit aber nicht genug. Für das Spiel Kroatien gegen Deutschland erwartet man 30 000 kroatische Fans, die wohl größtenteils mit Autos ankommen werden, dazu natürlich noch die Zuschauer aus Deutschland, die bekanntermaßen auch sehr Auto-affin sind. Das Stadion ist gut von der Autobahn aus erreichbar, hat allerdings nur 6 000 Stellplätze. Das nährt natürlich die Hoffnung jedes einzelnen (Auto)fans, einen dieser 6000 Parkplätze zu finden. Und das bedeutet fröhliches Kreisen ums Stadion; das Spiel kann man sich dann im Radio anhören.

Für die Fan-Elite, die per Flugzeug kommt, hat man zudem das Nachtflug-Verbot aufgehoben. Aber damit ist noch nicht genug Lärm: Das Innenministerium hat beschlossen, mit sämtlichen verfügbaren Hubschraubern über den Fanmeilen zu kreisen. Diese Hubschrauber starten in der Stadt und nicht am Flughafen, damit auch andere Anrainer noch etwas von der EURO haben.

Die Wiener Grünen hatten vorgeschlagen, dass die PKWs schon am Stadtrand abgestellt werden sollten, um dann die Fans mit Shuttle-Bussen ins Stadion zu bringen. Dazu war die Stadtführung aber leider nicht bereit. Mit recht viel Optimismus und Blauäugigkeit ist man dort nach wie vor der Überzeugung, dass die meisten Fans ja ohnehin mit dem Zug anreisen werden.

Vorsichtshalber wird aber doch noch was für die Autofahrer geplant - für die Zufahrtsstraßen soll es eine grüne Welle geben. Scheint wirklich so, also wollte man die Stau-Verursacher belohnen - da will wohl jemand einen Brand mit Spiritus löschen.

Zumindest eines aber wird in Wien klappen: für die Fiaker ist ein Ersatz-Standort vorgesehen. Wer also die Pferdekutsche für die Anreise zur Fanzone nutzen will, findet auf dem Michaeler-Platz, was er sucht.

Auch sonst läuft manches unrund in der Vorbereitung. Von der großen Erklärung einer „grünen" EM ist nicht viel übrig. In Wien wurde ein Nachhaltigkeitspreis für Firmen ausgelobt - der „Grüne Ball". Bisher wurde er folgende Unternehmen vergeben:

  • Die Fluglinie Austrian, weil sie ihre Passagiere auffordert, Geld für nachhaltige Projekte zu spenden (!)
  • British Petrol, weil 1 Cent pro Liter Diesel gespendet wird
  • Coca Cola, das auch für nachhaltige Projekte spendet, trotzdem aber Plastik und Pappe offeriert.

Und wie geht es den Österreichern damit?

Angst hat man vor allem vor randalierenden Fans - in Innsbruck hat man sogar 5 Stahlkäfige aufgestellt, in denen die Krawallbrüder für die Zeit der Amtshandlung festgehalten werden. Solche Massenverwahrung kennt man bisher vor allem aus Dritte-Welt-Ländern.
Kanzler Gusenbauer fürchtet sich vor einem Einzug der Italiener ins Endspiel. Dann steht er nämlich vor dem Dilemma, Silvio Berlusconi empfangen zu müssen. Das könnte ein diplomatischer Drahtseilakt werden!
Ansonsten geht das Leben weiter; der Nationalrat wird während der EM nicht tagen - schließlich ist die Fanmeile direkt vor dem Parlament. Der Bundesrat hingegen wagt eine Sitzung während des Viertelfinales - haben die vielleicht alle schon Handy-TV?