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Big Business oder schönste Nebensache der Welt?
Ein Standpunkt von Florian Hassler und Tilo Berner, Referenten von Heide Rühle, zur Debatte um die Zukunft des Profifußballs in Europa
Außerdem machte der Europäische Gerichtshof (EuGH) Schluss mit den in vielen Ländern geltenden Ausländerregelungen: Nun durften die Trainer beliebig viele Spieler aus anderen EU-Ländern auflaufen lassen. Der Hintergrund des Urteils ist hingegen weit weniger bekannt. Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer im Europäischen Binnenmarkt gilt auch für Profifußballer. Sportvereine sind hier wir ganz normale Wirtschaftsunternehmen zu behandeln, so der EuGH. Der Fall Bosman macht zweierlei deutlich: Profifußball ist nicht nur Sport, sondern unterliegt auch den europäischen Binnenmarkt- und Wettbewerbsregeln. Und die EU zögert nicht, diese Regeln auch gegen den Widerstand der Sportverbände durchzusetzen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage an Brisanz, die derzeit das Europäische Parlament diskutiert (>> Bewertung der Entschließung des EU-Parlaments): Inwieweit handelt es sich beim Profisport – und vor allem beim Profifußball – mit seinen Millioneneinnahmen und der wachsenden Kommerzialisierung um eine Wirtschaftstätigkeit, die unter die Regeln des europäischen Binnenmarkts fällt?

Profifußball keine beliebige Ware

Eines ist klar: Nur weil der Sport eine wirtschaftliche Dimension hat, darf er noch lange nicht wie ein klassisches Wirtschaftsgut behandelt werden. Der Fußball erfüllt wichtige soziale und kulturelle Funktionen – etwa bei der gesellschaftlichen Integration von Migranten. Deshalb hat die Europäische Union auch die Sonderstellung des Sports im Vertrag von Nizza anerkannt. Danach kann Europa sportliche Fragen nicht allein aus der Perspektive von Marktwirtschaft und Wettbewerb betrachten, die gesellschaftliche Bedeutung des Sports muss immer mitgedacht werden. Und keinesfalls sollte die Politik in sportspezifische Fragen eingreifen: Die Spielregeln oder die Struktur von Wettbewerben sind ohne jede Frage allein Sache der Sportverbände.

Ebenso klar ist allerdings: Auch der Profisport steht nicht über dem Gesetz und gewisse wirtschaftliche Aspekte unterliegen dem europäischen Gemeinschaftsrecht. Und daran ist der Profifußball alles andere als unschuldig – scheinen doch Börsengänge und Fernsehrechte für Verbände und Vereine inzwischen eine größere Bedeutung zu haben als spannende Spiele oder schöne Tore: Mit der UEFA-Champions-League werden jährlich zwei Milliarden Euro umgesetzt (Reingewinn 520 Millionen), die WM 2006 in Deutschland spülte 155 Millionen Euro in die Kassen des Weltfußballverbands (FIFA). Das sind beeindruckende Zahlen für die vereinsrechtlich und ohne Gewinnorientierung organisierte FIFA und seine potenteste Tochter UEFA. Etwa vier Prozent des Bruttoinlandprodukts der EU werden inzwischen durch Sport erwirtschaftet – Tendenz steigend.

Sportliche Chancengleichheit fraglich

Nur: Von dem Geldsegen profitieren keinesfalls alle Vereine. Im Gegenteil. Die finanziellen Gräben zwischen den Klubs werden immer größer. Unterschiedliche Wettbewerbsbedingungen und Misswirtschaft stellen aber auch die sportliche Chancengleichheit immer mehr in Frage. Die Folge: Wenn das (Fußball-) Feld allein den Marktkräften überlassen wird, dann wird das Ergebnis des sportlichen Wettkampfs in Zukunft noch stärker von der finanziellen Schlagkraft bestimmt als das jetzt schon der Fall ist. Sport ohne spannende Wettbewerbe ist aber wertlos.

Mehr Transparenz und Kontrolle

Wie aber könnten angemessene Lösungswege aussehen? Ein einheitliches Klublizenzierungsverfahren mit integriertem Kostenkontrollsystem – wie vom EU-Parlament gefordert – wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Denn viele Vereine bewegen sich wirtschaftlich auf dünnem Eis, Schuldenberge und Insolvenzen sind keine Seltenheit mehr. Außerdem kommt es in einem Umfeld finanzieller Instabilität allzu oft auch zu kriminellen Handlungen wie Spielmanipulation, illegalen Wetten, Korruption und Geldwäsche. Mehr Transparenz und Kontrolle ist deshalb unbedingt notwendig. Gerade deshalb ist bedauerlich, dass wir Grünen uns im Europaparlament mit der Forderung nach einer unabhängigen Sportagentur nicht durchsetzen konnten.

Im Rahmen des Lizenzierungsverfahrens sollte auch über ein (Gehalts-) Kostenkontrollsystem nachgedacht werden – haben doch explodierende Spielersaläre viele Vereine an den Rand der Insolvenz gebracht. Sinnvoll könnte etwa die Vorgabe sein, dass nur noch die Hälfte des Budgets in die Gehälter fließen darf. Denn Vereine, die aufgrund der Unterstützung von reichen Gönnern weit höhere Summen als die Gesamteinnahmen für Spielergehälter und Transfers ausgeben, verzerren den Wettbewerb und können die ganze Branche in eine bedenkliche Schieflage bringen. Ganz abgesehen davon, dass Vereine wie Chelsea London buchstäblich ausbluten werden, wenn ihr Finanzier eines Tages die Lust an seinem „Spielzeug“ verliert. Deshalb sollte das Lizenzierungsverfahren auch hier ansetzen. Der Sport muss durch geeignete Kontrollen der Besitzverhältnisse vor unangemessener Einflussnahme geschützt werden muss, will er seine gesellschaftliche Rolle behalten.

Faire Fernsehvermarktung

Auch die unterschiedlichen Vermarktungsmechanismen der Fernsehrechte – zentral vs. dezentral – gefährden faire Wettbewerbsbedingungen und finanzielle Solidarität im europäischen Fußball. Bei zentraler Vermarktung werden die Senderechte aller Klubs einer Liga im Paket an einen Fernsehsender verkauft und die Einnahmen dann unter den Vereinen aufgeteilt. Bei der dezentralen Vermarktung hingegen ist es Sache der einzelnen Klubs, ihre Rechte zu veräußern. Das aktuelle Problem ist: Kleinere Vereine in Ligen mit dezentraler Vermarktung und Klubs in Ligen mit zentraler Vermarktung können mit eigenständig vermarktenden Top-Vereinen nicht mehr mithalten. Diese Schieflage könnte man durch eine einheitliche und faire Vermarktung in allen europäischen Ligen korrigieren.

Die Problemlage ist vielschichtig – eines wird aber deutlich: Es besteht die Gefahr, dass der Profi-Sport in einem Spannungsfeld zwischen EU-Recht und Sportregeln zerrieben wird. Denn die entstandene Rechtsunsicherheit ist bedenklich. Fälle wie das Bosman-Urteil oder auch das Einmischen der EU-Kommission in die zentrale Vermarktung der TV-Rechte der Bundesliga zeigen wie notwenig klare Regelungen sind. Hier sind erst einmal die großen Dachverbände FIFA und UEFA gefordert – sonst könnte die Zukunft des europäischen Profisports von den Richtern des EuGH oder Brüsseler Eurokraten entschieden werden. Und die denken vor allem in Kategorien des europäischen Wettbewerbsrechts. Wohin das führen kann, hat die Vernachlässigung der Jugendarbeit infolge des Bosman-Urteils auf traurige Weise gezeigt.

Europäisches Sportmodell erhalten

Es geht um viel. Denn die Rechtsunsicherheit bedroht das europäische Sportmodell in seinen Grundfesten. Und dieses zeichnet sich im Gegensatz zum rein gewinnorientierten amerikanischen Modell durch die Grundsätze der finanziellen Solidarität gegenüber dem Breitensport und durch das Konzept von Auf- und Abstieg aus. Und bei aller notwendigen Professionalität soll König Fußball doch das bleiben was er ist: die schönste Nebensache der Welt.

>> Pressemitteilung von Heide Rühle zur Entschließung des Europäischen Parlaments zur Zukunft des Profifußballs in Europa

>> Doku: Unser Webdossier „Fußball und Europa“