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Islam in Europa – eine fremde Normalität?!
Überlegungen von Heide Rühle und Cem Özdemir
Neben sachlich geführter Auseinandersetzung dominieren dabei allzu oft überhitzte Diskussionen. Ressentiments werden bedient, Ängste geschürt, zweifelhafte sicherheitspolitische Konzepte gefordert. Dies macht deutlich: Trotz 40-jähriger Einwanderungsgeschichte muslimischer Migranten in Deutschland und Europa scheint uns ihre Religion und Kultur im Grunde fremd geblieben zu sein. Dabei kann kaum bestritten werden: Die Muslime gehören zur europäischen Gegenwart und Zukunft. Leben doch in Europa rund 15 Millionen und in Deutschland 3,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Allein in Baden-Württemberg sind es 600.000, sie bilden die drittgrößte Religionsgemeinschaft im Land.

Friedliches Miteinander gestalten

Wir Grünen haben uns früher und konsequenter als die anderen Parteien mit der längst existierenden multikulturellen und multireligiösen Gesellschaftsrealität auseinandergesetzt, um die heute viel beklagten Probleme einer Parallelgesellschaft zu verhindern. Immer wieder wurde und wird uns vorschnell der Stempel der naiven „Multikulti-Ideologen“ aufgedrückt. Und gerade in Folge des 11. Septembers erklären viele unsere Integrationskonzepte für gescheitert. Dabei ging es uns nie um eine "Wattebausch-Integration", sondern immer um die Frage: Wie können Politik und Gesellschaft ein friedliches und demokratisches Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen in Deutschland und Europa ermöglichen.

Vielfalt des Islams erkennen

Ein solches Miteinander setzt voraus, dass wir den Islam und die in Deutschland und Europa lebenden Muslime besser kennen lernen. Denn: Die Muslime gibt es nicht. Sie bilden genauso wenig eine homogene Gruppe wie die Christen eine in sich geschlossene Einheit sind. Daraus folgt: Die angeblich so klaren Fronten gibt es nicht. Der viel beschworene Kampf der Kulturen und Religionen taugt vielleicht zum Schüren von Vorurteilen, beruht aber auf einer völlig verkürzten Sicht auf den Islam.

Die Vielfalt des Islams wird leider allzu oft übersehen. Im Islam gibt es zwei große Konfessionen: die Sunniten und die Schiiten. Diese beiden Haupt-Konfessionen haben im Laufe der Geschichte wiederum zahlreiche Rechtsschulen und Glaubensgemeinschaften herausgebildet. Obendrein schlagen sich erhebliche regionale und ethnische Unterschiede auch in der religiösen Praxis nieder. So zählen von den etwa 2,5 Millionen türkischstämmigen Mitbürgern in Deutschland fast 600.000 zur alevitischen Glaubensgemeinschaft, und sie wollen nicht einfach den sunnitischen Muslimen zugerechnet werden. Neben der kleineren Gruppe der streng religiösen und praktizierenden Muslime gibt es eine Vielzahl von nicht praktizierenden Säkular-Muslimen. Auch ist uns meist unbekannt, welchen Konfessionen und Rechtsschulen unsere arabischen, kurdischen und persischen Mitbürger angehören. Diese Pluralität der Muslime dürfen wir nicht weiter ignorieren, wenn wir den Islam in Deutschland und Europa wirklich integrieren wollen.

Aktiver Integrationsbeitrag der Muslime

Aber auch die Muslime sind gefordert, aktiv an ihrer Integration mitzuwirken. Muslimische Gemeinden müssen in Zukunft stärker als bisher Sozialarbeit, Bildungsarbeit, Jugend- und Frauenarbeit leisten. In Kooperation mit deutschen Verwaltungsorganen und Bildungseinrichtungen müssen sie die Qualifizierung der eigenen Gemeindemitglieder besser vorantreiben. Denn: Bildung ist der beste Weg zur Integration. Außerdem müssen sich die muslimischen Verbände stärker für Toleranz und die Gleichberechtigung der Frau einsetzen. Unverzichtbar ist auch, dass die Religionsgelehrten die Sprache des jeweiligen Landes beherrschen und dessen Kultur kennen. Denn sie sind Vorbilder für junge Muslime und tragen daher große Verantwortung.

Eine gelungene Integration verlangt also Anstrengungen von beiden Seiten – von Muslimen wie von der Mehrheitsgesellschaft. Und ein Zusammenleben in Vielfalt braucht gemeinsame verbindliche Regeln: Es kann nur gelingen, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen die demokratischen Werte des Grundgesetzes anerkennen und leben.